Die Kampagne „Komm zur Jugendantifa“ ist eine Initiative der Jugendantifa Berlin und der Antifaschistischen Jugendaktion Kreuzberg. Im Rahmen von der Silvio Meier Demo 2009 wurde diese ins Leben gerufen. Ziel ist es Jugendliche und organisierte Antifas zusammenzubringen und Organisation und Vernetzung voranzutreiben. Mehr dazu erfahrt ihr in unserem Interview in den aktuellen Silvio Meier Jugendinfos und unter.
www.komm-zur-jugendantifa.tk


Hier veröffentlichen wir erstmals unseren gemeinsamen Aufruf

[Intro]

Am 21. November 1992 wurde der linke Hausbesetzer Silvio Meier im U-Bahnhof Samariterstraße in Berlin – Friedrichshain von mehreren Nazis brutal erstochen. Auch heute, 17 Jahren später, stellen Nazis in ganz Deutschland ein mörderisches Bedrohungspotential für all diejenigen dar, die nicht in ihr faschistisches Weltbild passen. Fast täglich gibt es Übergriffe, nur selten werden diese öffentlich skandalisiert. Dies geschieht vor dem Hintergrund eines gesellschaftlichen Rechtsrucks, zu dem auch ein Wiedererstarken eines vermeintlich unverkrampften Nationalgefühls gehört.

[Die Nazis]

Autoritäres und rassistisches Gedankengut wird in Deutschland wieder zunehmend salonfähig. So konnte die NPD in diesem Jahr zum ersten Mal in Folge erneut in den sächsischen Landtag einziehen. Auch bei der so genannten „U18-Wahl“, eine Art simulierte Bundestagswahl für SchülerInnen in Deutschland, konnte die sie hohe Ergebnisse erzielen. Nach dem Willen des bürgerlichen Nachwuchses wäre sie in Sachsen auf 12,78% gekommen, in Städten wie Zwickau ist sie mit 22% fast stärkste Kraft. Die bürgerlichen Medien und Parteien kommen anhand solcher Ergebnisse regelmäßig in peinliche Erklärungsnot und geben sich damit zufrieden, den Vormarsch der NPD als „Protest“ zu verklären und als Synonym für „allgemeine Unzufriedenheit“ gerade in Zeiten der Weltwirtschaftskrise abzustempeln. So wird auch der bürgerliche Gegenprotest einzig unter dem Anspruch propagiert, den „Standort Deutschland“; zu verteidigen, um „Deutschlands Bild in der Welt“ zu wahren.

Gleichzeitig haben die „freien Kameradschaften“ ihr Erscheinungsbild deutlich geändert. Waren es vor allem in den 90er Jahren noch die martialisch auftretenden Skinheads, die das Bild von Aufmärschen prägten, propagieren heute die sich „autonome Nationalisten“ nennenden Faschisten ein wesentlich „popigeres Bild“. Im „Black Block“-Stil und mit bunten Transparenten mit englischen Parolen versuchen diese an alternative Jugendkulturen anzudocken, um diese mit ihren rechten Inhalten aufzuladen. Denn auch ein „autonomer Nationalist“ mit Piercing und „Carharrt“-Klamotten, steht letztendlich für dasselbe ein, wie der Bilderbuchnazi mit Scheitel und Hemd, nämlich ein menschenverachtendes, rassistisches und ausgrenzendes Weltbild.

Eingebettet in einem europ. Kontext der Abschottung, Grenzsicherung und Ausweisung von MigrantInnen braucht es weder die NPD noch die „freien Kameradschaften“, um das wachsende, rechte Klima in Deutschland festzustellen. Die zunehmende Präsenz der „Kameradschaftler“ auf der Straße ist somit nur die Spitze des Eisbergs, wenn es um den Rechtsruck der deutschen Gesellschaft geht. So sind laut einer Studie der Friedrich Ebert Stiftung 26% der deutschen Bevölkerung der Meinung, dass „“Deutschland eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert, braucht.“.

Auch gegenüber Minderheiten lässt sich nach wie vor eine weit verbreitete Abneigung in Deutschland verzeichnen. So würden nach einer Umfrage des „American Jewish Commitee“ 59% der Deutschen es ablehnen, wenn ihre Nachbarn Sinti und Roma wären. Bei einer Knappheit von Arbeitsplätzen würden 34,9 Prozent der Deutschen MigrantInnen in ihr Heimatland zurückschicken.

Derartige rassistische Aussagen und Geisteshaltungen kommen nicht von aus bestimmten gesellschaftlichen Millieus oder einzig aus dem Osten der BRD. Sie kommen aus der gesellschaftlichen Mitte und haben dort ihren Ursprung.

[Staat&Antifa]

Das aktive Eintreten gegen faschistische Strukturen endet für viele Nazigegner mit staatlicher Repression, Gewalt und Einschüchterung. Seien es Hausdurchsuchungen, Telefonüberwachung, Gerichtsverfahren oder sogar Haftstrafen; als AntifaschistIn findet man sich oftmals sowohl einem rechten, als auch dem staatlichen Bedrohungspotential ausgesetzt. Im Falle von drei AntifaschistInnen, die angeklagt sind Fotos bekannter Nazis öffentlich ausgestellt zu haben, leiteten die Ermittlungsbehörden damals, Anschriften und Namen an organisierte Neonazis aus Berlin weiter. Regelmäßig prügeln Polizeibeamte in Kampfmontur Naziaufmärsche gegen den Protest von zahlreichen AntifaschistInnen durch alle möglichen Städte. Egal ob abgerichtete Hunde, Tonfas, Quarzhandschuhe, Wasserwerfer oder Pfefferspray: Um den Nazis einen möglichst ungestörten Aufmarsch zu ermöglichen, legt sich die deutsche Exekutive stets in die Vollen. Es ist ein Skandal, dass über 60 Jahre nach dem Sieg über den Nazifaschismus durch die Anti-Hitler-Koalition, Nazis überhaupt noch marschieren können.

Auf juristischer Ebene müssen AntifaschistInnen ebenfalls mit zahlreichen Repressalien, zusammengebastelten Anklagen, Schauprozessen und Vorverurteilung rechnen. So saß beispielsweise der Berliner Antifaschist „Matti“ vor 2 Jahren über 100 Tage im Gefängnis, weil Nazis behauptet hatten, sie wären von ihm überfallen worden. Dass die Nazis gleichzeitig aussagten, dass die Angreifer allesamt vermummt waren, störte die Beamten des Staatschutzes kaum, schließlich konnten ihnen die Nazis Fotos von „Matti“ präsentieren. Diese stammten aus ihrer „Anti-Antifa“ Kartei.

Auch in anderen Fällen ist die deutsche Justiz bemüht, besonders hart nach links auszuschlagen. So sitzen seit dem 1.Mai diesen Jahres zwei 17- und 19-jährige Jugendliche hinter Gittern. Ihnen wird vorgeworfen, einen Molotowcocktail auf Polizisten geschleudert zu haben. In dem noch laufenden Prozess kommt nun langsam heraus, dass nicht nur die Staatsanwaltschaft Beweise zurückgehalten hat, die die Unschuld der beiden beweisen, sondern dass die als Zeugen vor Gericht auftretenden Polizisten sich untereinander abgesprochen haben, um durch vermeintliche Beweise zu einer hohen Haftstrafe beizutragen und Untersuchungshaft zu erzwingen.

[Was tun?]

Vor dem Hintergrund also, dass es nach wie vor nicht nur ein direktes Bedrohungspotential durch Nazischläger auf der Straße gibt, sondern deutsche Polizisten und Staatsanwälte scheinbar alles dafür tun, um linke Jugendliche in den Knast zu befördern, stellt sich euch gewiss die Frage, wie man sich dagegen zur Wehr setzen kann. Hierbei ist ein Punkt gewiss: „Allein machen sie dich ein!“. Es fällt schwerer sich aktiv gegen Nazis zu engagieren, Repressionen und staatlicher Schikanen von Arbeitsamt, Schule und Elternhaus zu ertragen und abzuwehren und trotzdem mit einem Lächeln alledem nachzukommen was zum normalen Alltag eines Jugendlichen gehört. Es ist nicht einfach standzuhalten wenn man alleine oder in einem kleinen Zusammenhang agiert. Daher ist es wichtig, dass ihr euch mit anderen AntifaschistInnen und den Betroffenen von Nazigewalt, also beispielsweise MigrantInnen, JüdInnen oder Sinti und Roma, zusammenschließt. Organisiert euch, um die Scheiße gemeinsam zu rocken. Je größer die Organisierung und Vernetzung, desto größer die Handlungsfähigkeit und die gesellschaftliche Relevanz deines Widerstands und deiner Aktionen. Desto mehr könnt ihr gegen Nazis tun und desto höher ist die Solidarität die ihr erfahrt. Außerdem erhöht sich eure eigene Sicherheit, wenn ihr bei Protesten gegen Naziaufmärschen nicht auf euch alleine gestellt seid, sondern mit erfahrenen GenossInnen dort auftaucht und euch gemeinsam den Nazis in den Weg stellt. Für uns steht fest: Alleine gerät man sehr schnell in die Mühlen des staatlichen Repressionsapparats, alleine ist man gewalttätigen Nazis gegenüber nahezu chancenlos.

[Berlin&seine Antifagruppen]

In Berlin gibt es zahllose Antifagruppen, es gibt sogar Bezirke mit mehreren davon. Auch im Jugendbereich entstehen immer wieder kiezgebundene Kleinstgruppen, die nur wenig Aktivitäten entwickeln können. Das dies nicht gerade zu einer starken, antifaschistischen Bewegung in Berlin führt, liegt dementsprechend logisch auf der Hand. Viel zu oft wird die Existenz der eigenen Gruppe mit echter Politik verwechselt, das Gruppenlabel scheint wichtiger zu sein, als Inhalte und Aktionen. Dies perspektivisch zu ändern, um auf lange Sicht zu einer geeinten, antifaschistischen Bewegung zusammen zu wachsen, erscheint uns als eine progressive und wichtige Forderung. Wir empfinden es daher als Aufgabe für alle Berliner Antifas durch gemeinsame Aktionen und inhaltliche Diskussionen wieder mehr zueinander zu finden. Nur so können Grenzen überwunden werden und der Kampf gegen Nazis und staatliche Repression erfolgreich geführt werden.

Allein machen sie dich ein –
Hinaus zur Silvio Meier Demo
Komm zur Jugendantifa!

Samstag 21. November 2009 :: 16 Uhr :: U-Samariterstr.

Mehr Infos unter www.komm-zur-jugendantifa.tk und : www.silviomeier.de.vu